Vermutlich hatten wir
als Einzelne und als Gemeinschaft noch nie so viele und so vielfältige Möglichkeiten wie heute. Unentwegt werden wir deshalb ermutigt, angeleitet, manchmal ermahnt und gelegentlich sogar handfest gedrängt, sie auch zu nutzen.
Unser Zeitgeist verlangt
dass wir alle die vielen reichhaltigen, barrierefreien und rund um die Uhr verfügbaren Angebote nutzen, die sich uns allerorten auftun. Wir wollen und sollen uns damit gefälligst selbst verwirklichen und jederzeit das Beste aus uns und unserer Welt herausholen. (Zeitgeist heißt übrigens: Wir verlangen das von uns selbst und von anderen.)
Es geht darum, unsere Fähigkeiten und Talente dauerhaft zu entwickeln und maximal zu nutzen!
Und natürlich machen wir das. Gerne sogar. Schließlich ist dies ja wohl der Inbegriff einer freiheitlichen Lebensweise, die uns freiheitsliebenden Menschen doch so wichtig ist: „Ich verwirkliche mich, also bin ich.“

Doch dieser verheißungsvolle Selbstverwirklichungs-Mechanismus der vielen Möglichkeiten hat einen Haken:
Ausgerechnet eine sehr wichtige, vielleicht sogar die wichtigste Möglichkeit bleibt uns verwehrt. Nämlich einfach sein – so sein, wie wir eben sind.
Das ist nicht mehr drin. Denn wenn wir nur (erfolgreich) sein dürfen bzw. können, wenn wir alle unsere Möglichkeiten maximal nutzen, heißt das umgekehrt auch, dass wir eben nicht (erfolgreich) sein dürfen oder können, wenn wir das nicht tun.
Unser freiheitlicher Zeitgeist – zumal jener einer Leistungsgesellschaft aus Leidenschaft – wartet also mit einer ziemlich klaren Warnung auf, die sehr deutlich bei uns ankommt:
Entweder du nutzt deine Möglichkeiten. Oder…

Menschen fühlen sich in Entweder-Oder-Situationen allgemein ungut und in die Enge getrieben.
Und das zurecht. Vor allem dann, wenn es ums Ganze geht, also z.B. ihre wirtschaftliche Existenz, ihr Selbstbild oder ihre gesellschaftliche Reputation.
Steckt dieses Gefühl, diese abstrakte Existenzangst, hinter all dem vielzitierten Stress, der heutzutage ja immer spürbarer ist?
Vielleicht. Sicher ist jedenfalls, dass Menschen in solchen Zuständen dazu neigen, mit Tunnelblick unvernünftig und aggressiv zu reagieren (und auch: autoaggressiv).
Und eben genau NICHT wie uns eigentlich aufgetragen, also indem wir alle uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, Talente und Fähigkeiten entspannt zu unserem Wohlbefinden nutzen.
Denn wir sehen in solchen Situationen nur: Entweder-oder.
Ist das der Grund, warum es für uns immer öfter „alternativlos“ zugeht?
Warum es für uns entweder Gewinner oder Verlierer gibt?
Entweder Erfolg oder (totales) Scheitern?
Entweder Wirtschaft oder Gemeinwohl?
Entweder Reich oder Arm?
Entweder richtig oder falsch?
Entweder links oder rechts?
Entweder super oder unterirdisch?
Entweder „Wir. Und zwar zuerst. Quasi über alles!“ oder „Niemand sonst“?
Freiheit und gute Entscheidungen beginnen mit mindestens drei Wahlmöglichkeiten sagt man aus gutem Grund.
Es wäre also schlau, das „Entweder-Oder“-Weltbild durch ein „Sowohl-als auch“-Konzept zu ersetzen.
Zumindest spricht einiges dafür, dass wir nur so zu sehr viel besseren Entscheidungen kommen und wirklich alle unsere Möglichkeiten nutzen.

Bei Lichte betrachtet
dürfte das auch die einzige Möglichkeit sein, unsere eigene und auch unser aller (Wahl-) Freiheit zu erhalten und etwas aus uns und unserem So-Sein zu machen. Nämlich hoffentlich das Beste.
Literatur
- Bude, Heinz: Gesellschaft der Angst.
- Donauer, Sabine: Faktor Freude.
- Mausfeld, Rainer: Angst und Macht.
- Rosa, Hartmut: Unverfügbarkeit.
- Sandel, Michael J.: Vom Ende des Gemeinwohls.
As individuals
and as a community we never have had so many and so varied opportunities as we have today. Constantly, we are therefore encouraged, guided, sometimes humbled, and occasionally even pushed hard to take advantage of them.
Our zeitgeist demands that we all take advantage of the many rich, accessible, and round-the-clock offerings that are available to us everywhere. We want and are supposed to use them in order to fulfill all our needs and to make the most of ourselves and our world at all times. (Zeitgeist, by the way, means: We demand this from ourselves and from others).
It’s about permanently developing our skills and talents and use them to the maximum!
And of course we do that. Even happily. After all, this is probably the epitome of a free-spirited way of life, which is so important to us freedom-loving people after all: „I realize myself, therefore I am.“

However, this promising self-actualization mechanism of many possibilities has a catch:
Of all things, we are denied one very important, perhaps even the most important possibility: To simply be. Be just as we are.
That is no longer possible. Because if we are only allowed to be (succesful), if we use all our possibilities to the maximum, this also means that we are not allowed to be (succesful), if we don’t do that.
So our liberal zeitgeist – especially that of a passionate meritocracy – comes up with a pretty clear warning that resonates very strongly with us:
Either you use your opportunities. Or
.

People generally feel uncomfortable and cornered in either/or situations.
And rightly so. Especially when the big picture is at stake, such as their economic livelihood, their self-image, or their social reputation.
Is this feeling, this abstract existential angst, behind all the much-cited stress, which is nowadays more and more noticeable?
Perhaps. In any case, it certainly is that people in such states tend to react with tunnel vision unreasonably and aggressively (and also: autoaggressively).
And just exactly NOT as we are actually instructed, so by using all the possibilities, talents and abilities available to us relaxed to our well-being..
Because in such situations we only see: either-or.
Is this the reason why it is increasingly „either/or“ for us?
Why there are either winners or losers for us?
Either success or (total) failure?
Either commerce or the common good?
Either rich or poor?
Either right or wrong?
Either left or right?
Either super or really bad?
Either „Us. And Us first!“ or „None at all!“?
They say, freedom and good decisions start with at least three choices.
So it would be smart to replace the „either/or“ worldview with a „both/and“ concept.
At any rate, it seems quite likely that this is the only way we can come to much better decisions and really make use of all our options.

In the light of day
this might be the only possibility to keep our own liberty, also our freedom of choice. And to make something out of ourselves and our being. Namely hopefully the best.

Ist das der Grund, warum es für uns immer öfter „alternativlos“ zugeht?